Work Life Balance als Freelancer

Work Life Balance als Freelancer
©️ Taryn Elliott - pexels.com

Gibt es die überhaupt?

„Selbstständigkeit und Work Life Balance sind Begriffe, die sich grundsätzlich ausschließen, oder?“ Eine solche Frage haben sicherlich viele Freelancer schon mindestens einmal gehört. So zentral das Thema in vielen Unternehmen mittlerweile ist – für Selbstständige scheint die Welt noch anders auszusehen. Schließlich leben sie ja für ihre Arbeit und haben sich selbst für die Selbstständigkeit entschieden. Aber müssen Selbstständigkeit und Work Life Balance sich wirklich ausschließen? Natürlich nicht. Vielmehr ist dieses Thema auch für Freelancer eine zentrale Herausforderung. Warum die Work Life Balance so wichtig ist und was Selbstständige tun können, um sie zu verbessern? In diesem Artikel findest du Antworten.

Warum die Work Life Balance auch und vor allem für Selbstständige wichtig ist

Als Freelancer neigen wir schnell dazu, dauerhaft erreichbar zu sein und in jeder freien Minute zu arbeiten – ob am nächsten Blogartikel, Post für Instagram oder Design der Website. Das Klischee „selbst und ständig“ ist sicherlich nicht ganz unbegründet. Was Selbstständigen häufig fehlt, ist die klare Grenze zum Feierabend. Diese Grenze zu setzen und aktiv auf die persönliche Work Life Balance zu achten, ist dabei aber gleich aus mehreren Gründen wichtig.

  • Körperliche Gesundheit: Das kennst du sicherlich auch: Gerade steht ein dringendes Projekt an, du arbeitest gefühlt Tag und Nacht und natürlich beschließt dein Körper genau jetzt, krank zu werden. Kein Wunder – wenn wir zu viel arbeiten, fehlt uns der Ausgleich, wir sind gestresst und deshalb anfälliger für Krankheiten. Das kann von der einfachen Erkältung bis zu Schlafstörungen reichen, ganz abgesehen von völlig anderen körperlichen Problemen bei denjenigen, die ausschließlich im Sitzen arbeiten.
  • Mental Health: Mentale und psychische Gesundheit sind glücklicherweise Themen, die endlich aus ihrer Tabuzone befreit werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir es normalisieren sollten, sie durch zu viel Arbeit aufs Spiel zu setzen. Dass dauerhafter Stress und eine fehlende Work Life Balance das Risiko für Burn-out, Depressionen und andere psychische Erkrankungen begünstigen, ist längst kein Geheimnis mehr. Aber auch die Motivation, die sich einfach nicht einstellen will oder die andauernde Erschöpfung können von zu viel Arbeit stammen.
  • Energie & Ausgleich: Warum sind wir nach dem Urlaub mit ausgiebiger Freizeit auf einmal wieder motiviert, produktiv und energiegeladen? Richtig – wir haben den längst überfälligen Ausgleich zum Beruf geschaffen. Wünschen wir uns also langfristig mehr Energie und Motivation, ist das das Zeichen, die Work Life Balance in den Griff zu bekommen.

Was Freelancer tun können, um ihre Work Life Balance zu verbessern

Die klassischen Maßnahmen für eine bessere Work Life Balance haben viele Selbstständige in ihrem Beruf automatisch: Flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte sind für uns mehr oder weniger selbstverständlich. Vielmehr geht es für Freelancer darum, sich selbst, ihre Kapazitäten und den Umgang mit Arbeit und Privatleben besser zu organisieren. Dazu kommen unterschiedliche Ansätze in Frage.

Prioritäten setzen: Was ist wirklich wichtig?

Oft haben wir eine To-Do-Liste in der Länge einer Papyrusrolle, die einfach nicht kürzer werden möchte und gleichzeitig nur zu einem Bruchteil wirklich etwas mit unserer eigentlichen Tätigkeit zu tun hat. Ob Networking, Buchhaltung oder Social Media – viele Freelancer verbringen einen großen Teil ihres Arbeitstages mit Aufgaben, die weder zu ihrer Tätigkeit passen noch Geld einbringen. Um die Arbeitslast zu verringern, sind Prioritäten essenziell: Was muss wirklich heute oder diese Woche erledigt werden? Wo gibt es eine konkrete Deadline? Welche Projekte kann ich alternativ noch verschieben, auslagern oder streichen? Hilfreich kann hier die sogenannte Eisenhower-Matrix sein, die alle Aufgaben in 4 Bereiche einteilt:

  • Wichtig & dringend: heute erledigen
  • Wichtig & nicht dringend: terminieren
  • Nicht wichtig & dringend: wenn möglich delegieren
  • Nicht wichtig & nicht dringend: streichen oder ohne Priorität terminieren

Planung: Expect the unexpected

Um vorausschauende Planung kommt wohl kein:e Selbstständige:r herum. Neben den Aufgaben, die wir ohnehin für einen Tag oder eine Woche einplanen, sollte es immer etwas Puffer für unerwartete Themen geben. Das können sowohl private Überraschungen als auch berufliche sein – ein Brief, der schnelle Aufmerksamkeit benötigt, ein Telefonat mit einer Kundin oder einfach das perfekte Wetter nach wochenlangem Regen. Außerdem ist es immer sinnvoll, Zeiten für geringe Produktivität einzuplanen. Schließlich können wir nicht immer 100% geben und erwischen auch einfach mal einen schlechten Tag.

Hilfreich – sowohl bei der Planung als auch bei ihrer tatsächlichen Umsetzung – kann gerade für Soloselbstständige ein Netzwerk sein, zum Beispiel der Business Besties Club. Ob gemeinsame Planung, Coworking oder Austausch über Themen zur Selbstständigkeit – nicht alleine zu sein, kann Wunder wirken.

Fokus: Bäume pflanzen, Handy weglegen

Wie schnell lässt du dich von deinem Smartphone ablenken? Schnell mal Instagram checken, die Nachricht von der besten Freundin beantworten oder das nächste DIY-Projekt bei Pinterest finden – achte in der nächsten Woche mal darauf, wie häufig du am Tag oder in der Stunde das Handy in der Hand hast, obwohl du eigentlich fokussiert arbeiten wolltest. Um das zu vermeiden, können Fokus-Sessions helfen. Setze zum Beispiel einen Timer bei Pomodoro und arbeite für eine Stunde oder eine andere Zeit deiner Wahl fokussiert und plane dann eine Pause ein, in der du ans Handy darfst oder dir die Füße vertrittst.

Für die extra Motivation kannst du auch Apps wie Forest nutzen: Hier wächst über die Zeit, die du produktiv sein möchtest, ein Baum. Nutzt du trotzdem dein Handy, stirbt der Baum – und das will schließlich niemand.

Pausen & Feierabend: Grenzen zieht man nicht mit Bleistift

Die wohl größte Herausforderung für viele Selbstständige: Feierabend machen. Oft wollen wir noch schnell eine Kleinigkeit erledigen, die auf einmal zwei Stunden in Anspruch nimmt und schon ist es wieder dunkel draußen und wir haben den ganzen Tag nur vor dem Laptop verbracht. Je nachdem, wie du gestrickt bist, können unterschiedliche Maßnahmen dabei helfen, Pausen und Feierabendzeiten einzuhalten:

  • Feste Termine für Pausen in den Kalender eintragen
  • Ausschließlich das Arbeitszimmer zum Arbeiten nutzen
  • Einen Coworking-Space suchen
  • Das Diensthandy nach Feierabend ausschalten
  • Überhaupt erst ein Diensthandy zulegen
  • Unternehmungen nach Feierabend planen
  • Urlaub im Kalender eintragen

42? Was ist eigentlich mein Sinn des Lebens?

Zugegeben – so wirklich wird diese Frage wohl niemand beantworten können. Was aber dabei hilft, die Work Life Balance zu verbessern, sind Hobbies und Interessen außerhalb der Arbeit oder ein größeres Ziel, auf das man hinarbeitet. Denn für die wenigsten Menschen geht es im Leben nur um Arbeit. Wir haben nur verlernt, die Dinge zu priorisieren, die uns Spaß machen und uns erfüllen. Du sollst jetzt nicht unter die Philosophen gehen – vielmehr geht es darum, dir Gedanken zu machen, was dich außerhalb deiner Selbstständigkeit erfüllt. Bei mir sind das zum Beispiel Konzerte, Wanderungen oder Scrapbooking. Nichts davon ist der große Sinn des Lebens – glaube ich zumindest – bietet aber einen Ausgleich zur Arbeit.

Wenn möglich: Outsourcen, was keinen Spaß macht

Wie viele zusätzliche Aufgaben erledigst du am Tag, in der Woche oder im Monat? Wie oft überarbeitest oder wartest du deine Website? Wie viel Zeit verbringst du mit der Buchhaltung? Wie lange sitzt du vor deinem Blogartikel und fluchst darüber, dass du schlecht vorankommst? Hast du die finanziellen Möglichkeiten dazu, lohnt es sich, darüber nachzudenken, unliebsame und zeitfressende Aufgaben auszulagern. So sparst du neben Zeit und Nerven häufig langfristig sogar Geld – du hast mehr Zeit für die Kundengewinnung, Networking oder andere Themen, die dich voranbringen. Auslagern kannst du dabei sowohl größere als auch kleinere Themen, zum Beispiel

  • Social Media
  • Buchhaltung
  • Steuern
  • Blogartikel
  • Website-Wartung

Sicherheit: Weniger Fragezeichen sorgen für weniger Stress

Eines der Ziele von Freelancern, das herausfordernd ist, aber auch die Work Life Balance deutlich verbessert: Planungssicherheit. Fragen wir uns regelmäßig, welche Aufträge im kommenden Monat anliegen, löst das Stress aus. Sicher – gerade zu Beginn der Selbstständigkeit lässt sich dieser Stress kaum vermeiden und auch später wird es immer mal wieder ruhige Phasen geben – mit der Zeit darf hier jedoch mehr Sicherheit entstehen. Sofern dein Business das Modell hergibt, sind Stammkund:innen ein gutes und wichtiges Sicherheitsnetz. Auch ein zuverlässiges Netzwerk oder Partnerschaften mit anderen Freelancern können für mehr Sicherheit sorgen.

Eine gesunde Work Life Balance als Freelancer zu schaffen, ist wohl eine lebenslange Aufgabe

Kurz mit dem Finger schnipsen und schon ist sie da: die gesunde Work Life Balance. So funktioniert’s leider nicht. Vielmehr haben wir als Selbstständige wahrscheinlich lebenslang die Aufgabe, Arbeit und Privates auszubalancieren. Was ich in meiner Zeit als Freelancer gelernt habe: Zu viel Arbeit führt zu Stress, Stress führt zu weniger Motivation und Produktivität und das macht mich wiederum unzufrieden – das kann schnell zur gefährlichen Abwärtsspirale werden. Deshalb gilt: Pausen machen, Feierabend einhalten und weg vom Laptop. Mich findet ihr bestimmt in der nächsten Konzertlocation.